Ask Rattmann, Rattmann has ...

Überschrift R5
"Er spielte verrückt, um uns alle verrückt zu machen." Dies war Tartakowers Urteil über seinen Kollegen A. Nimzowitsch.
 
Er war nicht wirklich verrückt, doch er hatte einige markante Eigenheiten, die ich innerhalb der neun Jahre, die ich ihn kannte, ausführlich studieren konnte.
Wir lernten uns das erste Mal in Baden-Baden 1925 kennen und wurden rasch Freunde als ich ihm in aller Unschuld erzählte, wie sehr ich seinen Sieg über Rosselli genossen hatte. Nimzowitsch litt unter der Illusion, dass er ungeschätzt wäre und der Grund dafür Rachsucht wäre. Erst später lernte ich, dass er mit ein bischen Lob wieder aufzuheitern war. Seine Paranoia war am deutlichsten zu spüren, wenn er in Gesellschaft speiste. So glaubte er stets, dass er viel kleinere Portionen serviert bekommen hatte, als alle anderen. Dabei störte er sich nicht an der tatsächlichen Menge, sondern an dem angeblichen Affront. In erinnere mich daran, dass wir einmal gegenseitig das bestellten, was der andere essen wollte. Nachdem die Mahlzeiten serviert wurden, tauschten wir die Teller. Nachdem wir das getan hatten, schüttelte er immer noch ungläubig seinen Kopf, weiterhin daran glaubend, dass er mal wieder die kleinere Portion erhalten hatte.
Nimzowitsch war ein sehr moderater Trinker, wenn überhaupt, so trank er ein wenig Bier oder Wein und er hasste Rauchen so sehr, dass er mit Rauchern oft Streit anfing, besonders dann, wenn Sie seine Gegener waren. Aber er hatte einen feinen Sinn für Humor und er mochte einen guten Witz, selbst wenn dieser auf seine Kosten ging. Diese Tatsache half mir eine peinliche Situaion bei dem Turnier zu Bled 1921 zu verhindern. Jugoslawien war zu der Zeit Königreich und Bled war die Sommerresidenz der königlichen Familie. Tatsächlich war die Königin und ihre Kinder zur Zeit des Turniers anwesend. Das Komitee war ständig in Alarmbereitschaft wegen der Möglichkeit, dass ihre Majestät auf einen Sprung hereinkommen könnte. Dies war auch der Grund dafür, dass das Komitee sehr bestürzt darauf reagierte, als A. Nimzowitsch, der an diesem Tag spielfrei hatte, im Bademantel durhc den Spielsall schlenderte und sich weigerte, diesen zu verlassen. Man stelle sich vor, ein jüdischer Schachspieler fast nackt vor ihrer Majestät. Es ergab sich, dass ich der Turnierleiter war, so dass das Kommitee mich verzeifelt um Hilfe bat. Ich packte Nimzowitsch sanft am Nacken und gab im einen Tritt in seinen Allerwertesten, während ich ihn zur Tür schob. Glücklicherweise sah er die Komik in dieser Situation und verliess - dabei die ganze Zeit lachend - die Szene augenblicklich.
Von allen Großmeistern war sein bester Freund und größter Fürsprecher Dr. Milan Vidmar. Doch auf dem Schachbrett waren sie die erbittersten Feinde und sie produzierten in Ihren Partien wahre Feuerwerke. Ich spielte vier Turnierpartien gegen A. Nimzowitsch, dabei verlor ich drei Partien bei einem Remis. Er war einfach zu stark für mich, wie auch für die Meisten. Doch beim Blitzschach ging eine Begegnung nicht so gut für ihn aus. Bei einem Blitzturnier in
Breslau 1925 war als erster Preis genügend Seide für 6 Hemden angesetzt. A. Nimzowitsch, der fest damit rechnete, dass er gewinnen würde, versuchte alles mögliche, um mehr über diese Seide herauszubekommen. Aber wie auch immer, ich schlug ihn in der ersten Runde - in einer französischen Verteidigung in der er seine Spezialität 3.e5 spielte. Ich gewann das Turnier und die Seide.
Bei einem anderen Vorfall in Berlin verpasste er den ersten Preis weil er gegen Sämisch eine Partie verlor. Nimzowitsch sprang auf den Tisch und schrie: " Warum muß ich nur gegen diesen Idioten verlieren?". Diese Geschichte wurde mir übrigens von dem Idioten selbst erzählt.
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