Ask Rattmann, Rattmann has ...

Überschrift R5
Überschrift R5

Dieses Nachwort sollte ursprünglich nur eine knappe Seite füllen, aber Peter Zimmer hat mich gebeten, zum besseren Verständnis von »Mein System« einige wenige Anmerkungen hinzuzufügen, eine Bitte, der ich mich umso weniger verschließen konnte, als Peter Zimmer während der ersten Hitzewelle des Jahres eine Woche seines Lebens darauf verwandt hat, »Mein System« Korrektur zu lesen und mich dazu zwang, mich erneut mit R65ff. des Duden von 1991, diesem »Totschläger freier Sprachentwickelung« auseinanderzusetzen.

 

Wenn man ein dreijähriges Kind dazu anhält, nur bei Grün über die Straße zu gehen, bedeutet das nicht, daß man nicht auch bei roter Ampel in aller Ruhe die Straße überqueren könne, ohne sich einer Gefahr auszusetzen. Dazu muß man aber in der Lage sein, komplexe Verkehrssituationen korrekt einzuschätzen. Auch sollte man sicherheitshalber immer seine Papiere bei sich tragen, um sich gegebenfalls gegenüber dem freundlichen Polizeibeamten ausweisen zu können.

 

Alle Regeln im Schach, die nicht das Ziehen der Figuren beschreiben, sind von obiger Art. Der wenig geschulte Spieler, wenn er denn Unfälle vermeiden will, tut gut daran, sie zu beherzigen, bis er so weit herangewachsen ist, daß er ohne sie auszukommen vermag.

 

Wie eine konkrete Stellung zu beurteilen sei, kann nie aus Regeln hergeleitet werden. Die Stellung ist nicht schlecht, wenn man einen Doppelbauern hat, nicht, wenn die Springer am Rande stehen, nicht, wenn der Gegner Materialvorteil hat, sondern wenn man unter Berücksichtigung aller Stellungsmerkmale zeigen kann, daß zufriedenstellende Fortsetzungen nicht vorhanden sind. Anders gesprochen:

 

Eine Stellung ist schlecht, wenn sie schlecht ist.

 

Diese Tautologie ist leider nicht hilfreich, es sei denn, man ist Gott und weiß, was in jeder gegebenen Stellung zu spielen sei.

Trotzdem hat der Herausgeber sich entschlossen, die Regeln durch einen schwarzen Balken hervorzuheben, um den Lehrbuchcharakter von »Mein System« zu betonen, und — ja, doch — weil die Seiten dann etwas interessanter aussehen. Das »Wesentliche « sind die Regeln nicht, sondern die »Elemente« und die »Stratageme«. Sie sind die Kategorien, die wir gebrauchen, wenn wir Probleme des Positionsschachs untersuchen, ja, wenn wir auch nur über sie sprechen.

 

Seit der Abfassung von »Mein System«, das in den Jahren 1925–1927 in fünf Lieferungen erschien, sind beinahe 80 Jahre vergangen, und so wird sich vielleicht mancher Leser fragen, ob nicht »Mein System« nur noch historische Bedeutung besäße. Das ist nicht der Fall. Das System steht, wie Rustem Dautov in einem Interview in der Zeitschrift »Schach« bekräftigt hat, trotz der Fehler, mit denen die eine oder andere Analyse behaftet ist, ja, mitunter seien fehlerhafte Analysen für den Lernenden sogar lehrreicher. Unter diesen Umständen kames natürlich nicht in Betracht, am Inhalt auch nur das geringste Detail zu ändern, der Herausgeber hat sich im Gegenteil bemüht, mit dieser Neuausgabe der Erstausgabe näher zu kommen als alle früheren Ausgaben seit

den 50er Jahren.

 

Daß das System sich als so lebenskräftig erwiesen hat, hängt damit zusammen, daß »Mein System« ein offenes System ist. Nimzowitsch erhebt nicht den Anspruch, alle schachlichen Probleme ein für alle Mal gelöst zu haben. Im Gegenteil weist er immer wieder darauf hin, daß bei der Beurteilung eines konkreten Falles immer von den besonderen Stellungsmerkmalen auszugehen sei. Daß aber die Kategorien von »Mein System« auch auf Stellungen angewandt werden können, die zu Nimzowitschs Zeiten keine Rolle spielten, ist nach der Überzeugung des Herausgebers der allem zugrundeliegenden Idee des positionellen Schachs geschuldet:

 

»Letzten Endes«, schreibt Nimzowitsch, »ist der Positionskampf doch nichts anderes als ein Kampf zwischen Beweglichkeit (der Bauernmasse) einerseits und Hemmungstendenzen andererseits.«

 

Diese Idee, so einfach sie sich hinschreiben läßt, und natürlich die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sowohl diejenigen, die Nimzowitsch selbst gezogen hat, als auch diejenigen, die wir ständig ziehen, geben uns heutigen Schachspielern ein Instrumentarium zur Beurteilung vieler der Stellungen an die Hand, die gerade Tagesaktualität für sich beanspruchen.

 

Viele, und leider nicht nur schwache Spieler, sondern auch solche, die es eigentlich besser wissen müßten, benoten, insbesondere seit dem es Schachprogramme gibt, gerne starke Spieler vergangener Epochen. Und so hört man auch schon das eine oder andere Mal, daß etwa Tarrasch nicht bundesligatauglich sei oder daß Bobby Fischer überschätzt werde. In dieser Hinsicht ist in den letzten 150 Jahren anscheinend alles beim alten geblieben. Das sich auf Walther von der Vogelweide beziehende herablassende »Ein guter Meister, doch lang schon tot« aus den »Meistersingern von Nürnberg« legt Richard Wagner einem in den Mund, der zwar den Titel »Meister« führt, aber keiner ist, und im Merker Sixtus Beckmesser karikiert er den unschöpferischen Kritiker, dessen Bedeutung sich im Merken von Fehlern erschöpft.

 

Natürlich würde ein Komponist, böte er heute einem Verleger dieses leider auch

antisemitische Machwerk an, keine offenen Türen einrennen, was über die Qualität dieser Oper allerdings nicht viel besagt. Zu fragen wäre nämlich, wie sich die Musik entwickelt hätte, hätte Wagner seine Opern nicht komponiert.

 

Wir Nachgeborenen stehen alle auf den Schultern unserer Vorgänger. Kasparov hätte nicht Kasparov werden können ohne Aljechin und ohne Fischer. Dazu wäre eigentlich weiter nichts zu sagen, jedem vernünftig denkenden Menschen ist  dies selbstverständlich. Da aber als Folge eines Buches von John Watson mit dem Titel »Advances since Nimzowitsch« bei einigen Spielern anscheinend der Eindruck entstanden ist, man könne sich nunmehr die Lektüre von »Mein System« sparen und gleich mit Watson »einsteigen«, sind die folgenden Bemerkungen vielleicht nicht ganz überflüssig.

 

Es gibt Stellungen, über die wir heute vollkommen anders denken als Nimzowitsch, und gäbe es sie nicht, Schach wäre tot. Hier wäre zunächst das Fragezeichen zu nennen, mit dem Nimzowitsch 3.Sc3 (nach 1. e4 e6 2.d4 d5) ziert und anmerkt, der richtige Zug sei 3. e5, eine Anmerkung, die bei dem einen oder anderen ein Schmunzeln hervorrufen wird, denn gewöhnlich verbindet man mit dieser Äußerung den Namen eines anderen, noch lebenden Großmeisters. Ja, es gibt auch heute noch Spieler, die für ihre Ideen kämpfen, oder, um es mit denjenigen zu sagen, die daran nicht glauben, dem Dogmatismus huldigen. Nun ja, nach dem was wir heute wissen, steht Weiß nach 3.Sc3 nicht besser und nach 3. e5 jedenfalls nicht schlechter als Schwarz.

 

Auch was die Stellungen mit isoliertem Damenbauern anbelangt, denken wir heute anders. Wir glauben heute, daß der Läufer auf g5 gehört, und die Türme kommen meist auf d1 und e1 zu stehen. Wir streben heute gerade die Stellungen an, vor denen Nimzowitsch glaubte, nicht genug warnen zu können. Im Mittelspiel von Euwe und Kramer wird zu einer Partie von Nimzowitsch sehr treffend bemerkt, daß der Läufer auf e2 im Verteidigungs- auf d3 aber im Angriffssinne besser stünde. Hier scheint ein ähnlicher Fall vorzuliegen. Wegen der Unterschätzung der Angriffsressourcen der Weißen empfiehlt Nimzowitsch eine Aufstellung, wie sie für die Schwarzen in Stellungen, die aus der Tarrasch Verteidigung entstehen, charakteristisch ist.

 

Wie dem auch sei: die Stellungen mit isoliertem Damenbauern sind von unerhörter Komplexität, und auch die allerstärksten Spieler haben das eine oder andere Mal mit Schwarz nicht einmal die Eröffnung überlebt. Es sei hier nur an die Niederlagen von Karpov gegen Smyslov und von Anand gegen Kramnik erinnert. Auch in diesen Partien wurden die weißen Angriffsressourcen unterschätzt. Insbesondere auch der Einsatz von Schachprogrammen wird neue Entdeckungen zutage fördern, auch in Zukunft ist niemand in diesen Stellungen vor Überraschungen gefeit.

 

Es ist verschiedentlich behauptet worden, die alten Meister hätten die Bedeutung der Bauernmajorität auf dem Damenflügel überschätzt, und es sei das Verdienst von Watson, mit diesem Mythos ein für alle Mal aufgeräumt zu haben. Selbstverständlich ist eine Bauernmajorität auf dem Damenflügel oft von Vorteil, und zwar einfach deswegen, weil man die Bauern auf dem Königsflügel in vielen Fällen nicht ohne weiteres »realisieren« kann, unter anderem deswegen, weil darunter die Sicherheit des eigenen Königs leiden würde. Außerdem muß die Mehrheit am Köngisflügel im Zentrum realisiert werden, wo naturgemäß der Widerstand am größten ist. Wenn aber der Vormarsch im Zentrum gelingt, ist die Gefahr, die von einer Mehrheit am Köngsflügel ausgeht, dafür umso größer.

 

Aus dem bisherigen sollte klar sein, daß der Herausgeber nicht zu denjenigen gehört, die sich am Unwissen der alten Meister »aufgeilen«. Im Gegenteil vermutet er, daß das Unterschätzen derselben mehr über das eigene simple Gemüt als über deren Denkprozesse verrät. Wer jedenfalls glaubt, die großen Spieler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts seien so dumm gewesen und hätten Stellungsbeurteilung durch Abzählen von Bauern betrieben, könnte sich irren.

 

Nimzowitschs grundlegendes Kriterium bei der Beurteilung der Majorität ist das der Beweglichkeit. Die mobilere Majorität ist die gefährlichere. Man lese nur die Kommentare zur Partie No. 25, Grünfeld–Tartakower, z.B. :

 

»Schwarz hat ausgesprochenen Endspielvorteil: die Bauernmajorität am Damenflügel, die d-Linie und last not least die zentralisierte Damenstellung. Der Vorteil ist aber doch nur gering.«

 

Also obwohl Schwarz noch andere Vorteile aufzuweisen hat, ist sein Vorteil doch nur gering. Und dann kommt das entscheidende Kriterium:

 

»Die weiße Bauernmehrheit war viel schwerer realisierbar als die schwarze (auf 26. f3 [beispielsweise] wäre 26... f5 gefolgt, und e4 ist unterbunden); dies erklärt den Verlust.«

 

Auf Beweglichkeit und Hemmung kommt es an. Wenn statt dessen jemand einfach sagte, man solle sich die Majorität am Damenflügel verschaffen, so hätte dies in der Tat die geistige Qualität eines »praktischen Winkes einer erfahrenen Hausfrau«.

 

Watsons »Advances since Nimzowitsch« treibt seltsame Blüten, und Watson selbst gehört ganz sicher zu denjenigen, die sich dies am allerwenigsten wünschen. Eine solche sei hier abschließend erwähnt.

 

Unter der Überschrift »Was der weniger Vorgeschrittene vom Zentrum und der Entwicklung wissen muß«, gibt Nimzowitsch eine knappe Einleitung für Anfänger. Diese neigen bekanntlich  dazu, die Entwicklung gerade nicht »von demokratischem Geiste durchdringen zu lassen«, sondern sie ziehen mitunter mit einer Figur, bevorzugt mit der Dame, planlos umher. Der kleine Sohn von Sergey Galdunts, darauf  hingewiesen, daß er seinen Damenflügel nicht entwickelt habe, gab übrigens die für ein Kind ganz erstaunliche Begründung, daß er sich noch Reserven für  spätere Partiephasen aufbewahren wolle.

 

Nimzowitsch versucht nun, dem Anfänger das Verwerfliche seines Tuns dadurch vor Augen zu führen, daß er die Tempi zählt. Und so rechnet er vor, daß bei bestimmten Spielweisen die eine Partei zwar keinen Material aber einen Tempovorteil erlangt. Unglücklicherweise sind seine Beispiele nicht alle vollständig gelungen. Watson hat nun ganz zu recht darauf hingewiesen, daß im Falle der Diagramme 24 und 25Weiß in Wirklichkeit gar keinen Vorteil reklamieren kann bei den von Nimzowitsch angegebenen Fortsetzungen.

 

Die von Nimzowitsch gegebene Regel, wonach ein sehr guter Grund vorliegen muß (z.B. Eroberung eines Zentrumsbauern), um in einer offenen Stellung Tempi zu opfern, weil letztere in offenen Stellungen besonders wertvoll sind, wird davon nicht berührt. Im Falle der Diagramme 24 und 25 ist es nur so, daß die Rechnung von Nimzowitsch nicht aufgeht, weil der Tempovorteil verpufft.

 

Das Verfahren von Nimzowitsch erinnert ein wenig an die »little white lies« von Donald Knuth, des Informatikers, der das Programm geschrieben hat, mit dem dieses Buch gesetzt wurde. Knuth gebraucht ab und an, um den Leser nicht mit der ganzen Wahrheit in ihrer Komplexität zu erschlagen, in seinen Lehrbüchern Vereinfachungen, die manchmal sogar die Wahrheit entstellen, die aber trotzdem das Verständnis erleichtern. Es gibt in der Tat auch offene Stellungen, in denen man mehrere Tempi zurückliegen kann, ohne deswegen zu verlieren (z.B. gewisse Positionen der Schottischen Partie). Wer aber einen Anfänger dazu ermuntert, solche Stellungen anzustreben, handelt verantwortungslos. Zu glauben allerdings, ein so komplexer Denker wie Nimzowitsch sei so naiv gewesen, bei der Stellungsbeurteilung lediglich auf das simple Summieren von Tempi zu vertrauen, wäre etwa so klug wie anzunehmen, Knuth sei seinen »little white lies« am Ende selbst erlegen. Um es ganz deutlich zu sagen: Die Methode des Aufsummierens von Tempi ist für solche Spieler gedacht, denen man subtilere Überlegungen mangels schachlicher Bildung nicht zumuten kann. Nimzowitsch etwas anderes zu unterstellen, zeugt von Inkompetenz oder ist —schlimmer noch — maliziös.

 

Vor vielen Jahren gab ein Spieler, der gegen mich gerade verloren hatte, zur Begründung für seine Niederlage an, er hätte mich nicht ernst genommen, weil ich wegen des alten Trainingsanzuges, den ich damals trug, dumm ausgesehen hätte.

 

Mich überzeugt diese Begründung nach wie vor nicht. Wenn Ihnen aber, lieber Leser, in der nächsten Zeit jemand über den Weg laufen sollte, der nach 10 Zügen verlor, weil er nur die Bauern zog und sich nach der Partie darauf beruft, daß doch Tarrasch auf die nämliche Art gewonnen hätte, klären Sie ihn nicht auf, sagen Sie ihm nicht, daß Bauernzüge an und für sich nur Hilfszüge und keine Entwicklungszüge seien, weisen Sie nicht auf »Mein System« hin und nehmen sie schon gar nicht den Namen Nimzowitsch in den Mund, sondern antworten Sie einfach nur achselzuckend: Schach ist Glücksache.

 

Der Neusatz eines Buches ist eine Sisyphosarbeit. Man korrigiert einen Teil der Fehler der vorherigen Ausgaben, übersieht einen weiteren Teil und fügt schließlich neue Fehler hinzu. Einem einzelnen ist es nicht möglich, ein fehlerfreies Buch zu setzen. Was dem einzelnen nicht vergönnt, ist der Gesamtheit der Leser ein leichtes. Deswegen die folgende Bitte: Falls Sie auf einen Fehler stoßen sollten, zögern Sie nicht, ihn mir mitzuteilen unter

 

mein-system@schachzentrale.com .

 

Auf der Website von Rattmann wird eine Liste von Errata veröffentlicht werden, und in der nächsten Auflage werden alle bis dahin bekannten Fehler korrigiert.

 

Neben Peter Zimmer, den ich oben schon erwähnt habe, möchte ich mich bei Sergey Galdunts und Peter Treffert bedanken. Sie alle haben mir geholfen, wenn mein dürftiger Verstand mich wieder einmal im Stich ließ.

 

Heppenheim, im Juni 2005 Matthias Vettel

 

post scriptum: Der Herausgeber hat sich entschieden, als Verfasser von »Mein System«, genauso wie in der Erstausgabe auch, A. Nimzowitsch anzugeben. Aaron Nimzowitsch, oder Aron Niemzowitsch, wie er sich selbst auf dem Anmeldeformular zur Immatrikulation an der Universität Zürich schrieb, oder Arnold Nimzowitsch, der Name, unter dem er in der »Hypermodernen Schachpartie« verzeichnet ist, hat seinen Vornamen in allen Publikationen abgekürzt. Auch ist wohl keine Signatur erhalten, bei der er seinen Vornamen ausgeschrieben hätte. Sein Freund Kmoch vermutet, daß der vorübergehend gewählte Vorname »Arnold« — und man ist geneigt anzunehmen, dies könne auch auf die Abkürzung A. zutreffen — auf den Antisemitismus in Deutschland

seit dem I.Weltkrieg zurückzuführen sei. Diese Vermutung Kmochs, wenn sie

auch eine hohe Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann, bleibt doch Spekulation. Solange keine Beweise vorliegen, muß die Entscheidung Nimzowitschs, seinen Vornamen abzukürzen, respektiert werden.

 

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