Ask Rattmann, Rattmann has ...

Überschrift R5
Überschrift R5
Immer wieder verführt der Titel "Mein System" zu der Vermutung dass sich A. Nimzowitsch leiten liess durch ein Werk ähnlichen Namens, welches zu der Zeit in den Bestsellerlisten ganz oben stand. In diesen Vermutungen wird ihm (oder seinem Verleger Kagan) unterstellt, er hätte versucht aus der Namensgleichheit Kapital zu schöpfen oder noch schlimmer, den antisemitischen Gedanken nahestand.
 
Demgegenüber steht die Tatsache ist, dass Nimzowitsch schon im Jahre 1909 in der Wiener Schachzeitung seine Artikel unter dem Gesamttitel "Mein System" veröffentlichte

[Siehe: 'Nimzowitsch als Vorläufer der Hypermodernen' von S.G. Tartakower]
und erst in der Zeit von 1914 bis 1923 sehr intensiv an der Vervollständigung arbeitete. Dazu schreibt A. Nimzowitsch in seinem Artikel 'Zur Frage der "Zukunftseröffnung" [...] Zum Schluß noch eine kleine Orientierung über "Mein System". Es betrifft nicht die Eröffnungslehre, sondern vielmehr das Mittelspiel. Es ist eine Reihe von Regeln über die einzelnen Elemente der Schachstrategie wie die offene Linie, die siebte Reihe, der Freibauer, Abtauschkombinationen, Bauernketten; alles schön geordnet, alles da, es fehlt nur der Verleger. Seit vier Jahren habe ich über "Mein System" Vorträge in Skandinavien gehalten und schon allein aus diesem Grunde habe ich meinen Aufenthalt hier kaum als Selbstexil empfinden können. Daß mir die Turniere nicht zugänglich waren, ist jedenfalls nicht als Folge dieser Zurückgezogenheit zu betrachten. Es würde und wird mir nie einfallen, 'abgelehntes Turniergambit' zu spielen. Im Gegenteil, wird jede Aufforderung, an einem Turnier teilzunehmen, gerne angenommen. [...]
 
Die Erstauflage erschien in fünf Werken in der Zeit von 1925 bis 1927. In der Zweitauflage, die dann noch zu Lebzeiten Nimzowitschs 1931 erschien, wurden die fünf Werke einfach zu einem Buch zusammengebunden.
 
 
 
Doch zurück zu dem Titel "Mein System". Ein Ansatz zur Begründung für diesen Titel findet sich in einem Artikel über E. Lasker, indem dieser sich mit der Stärke der Juden im Schach beschäftigt:
 
[...]  Diese Eigenarten führt Lasker auf die Vertiefung der Juden in den Talmud und ihre Schulung an talmudschem Denken zurück. Aus der Freude am Gedankenspiel und der Vernachlässigung des Realen erklärt sich die Liebe jüdischer Spieler zum Systematischen und ihr Glaube an die Durchschlagskraft des Systems. Die jüdischen Schachspieler suchen auch in Schachspielen Prinzipien von Einheit und Wahrheit zu verwirklichen, im Gegensatz zu den besonders auf die Gegebenheiten und Erfordernisse des Augenblicks abstellenden Amerikanern. So haben weder Holländer noch Engländer trotz des Reichtums ihrer Fachliteratur Systeme geschaffen; Systeme rühren lediglich von Juden, zuweilen auch von Deutschen her. Diese tiefste Eigenart der Juden im Schachspiel erklärt Lasker aus dem Geiste der Thora, deren Grundlage und Ziel der eine Gott, das eine Gesetz, die eine Wahrheit, die eine Menschheit ist.  [...]
 
Quelle: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung, Nr. 4/1933, S. 54
 
Natürlich ist dies keine Beantwortung für die Frage nach der hohen Anzahl sehr guter Schachspieler jüdischer Abstammung. Aber sie gibt uns einen kleinen Einblick in die Erziehung und in die Denkhaltung, die auch Nimzowitwsch beeinflusst haben mag.
Ein weiterer zu beachtender Aspekt ist die Tatsache, dass Nimzowitsch im Schatten eines anderen großen "Systemgebers" stand. Dr. Siegbert Tarrasch "war der erste, der feststehende Gesetze der Schachstrategie formulierte" [R. Spielmann]. In Nimzowitsch erwuchs ihm ein Gegner seiner Theorien, vor allem seiner "Tempotheorie". Ausgangspunkt dieses unüberhörbaren Streits war ein offener Brief in dem Deutschen Wochenschach (28. Jg. 1912, S. 157-158). In dem Turnier San Sebastian 1912 begann man am Brett einen Disput auszutragen, der den Spalt zwischen disen beiden großen Theoretikern vergrößerte und der allgemein als Wendepunkt betrachtet werden kann. Mit dem Sieg Nimzowitschs begannen seine Theorien Gewicht zu bekommen und in der Folge ging er hartnäckig weiter auf seinem eingeschlagenen, neuen Weg. Wie sehr er sich selbst als Wegbereiter sah, sei im Folgenden skizziert. So schreibt er [...] Es hätte keinen Zweck, all den mir zuteil gewordenen Hohn und Spott zu registrieren oder bloß andeuten zu wollen [...] Im Jahre 1913 kam dann die Revolution. [...] Ich bemerke ausdrücklich, daß ich, wenn ich in diesem Artikel Tarrasch sage, weniger ihn persönlich als die von ihm vertretene Schule meine. [...]
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